Frauli quasselt

„Mein Hund jagt nicht!“ – Der Blick durch die rosarote Brille

Ja, das kann man so stehen lassen. Es stimmt aber nicht. Gut, sie jagt tatsächlich nicht – nicht wirklich… nicht richtig… Kann man das bisschen nachflitzen schon Jagen nennen? Sie kommt ja immer sofort zurück… und letztens, als der Fuchs plötzlich losgerannt ist, blieb sie wie angewurzelt stehen und hat erst zu mir geguckt. Sie hat keine Jagdambitionen. Oder zumindest kaum. Also nicht nennenswert. Zumindest geht sie keinem Reh, keinem Fuchs oder keinem anderen Wild nach. Eigentlich hat sie eher Angst und versteckt sich hinter mir. Hat sie zumindest schon gemacht. Also einmal… ja, Katzen geht sie nach und Vögel scheucht sie auf, aber sie kommt sofort zurück. Das ist doch kein Jagen.

Diese Sprüche kennt sicher jeder Hundehalter – entweder selbst von sich gegeben oder gehört. Ich bekenne mich auch dazu. Shiva jagt tatsächlich nicht, was aber nicht heißt, dass sie nicht auch einen Jagdtrieb hat, den ich kontrollieren muss. Den sie kontrollieren muss. Zu meinem großen Glück ist der Trieb nicht sonderlich ausgeprägt und Shiva hatte nie die Veranlassung ihn weiter auszubauen. Trotzdem, man muss auf Zack sein. Dem Hund ist der Jagdtrieb in die Wiege gelegt und es nützt keinem was, wenn der eigentlich nicht jagende Hund auf die Autobahn rennt oder dem Jäger vors schussbereite Gewehr. Selbst wenn dem Hund nichts passiert, was ist mit dem Tier, welches grade gehetzt wird. Eine Rehmama? Ein Kitz? Eine Fuchsmama? Ein Fuchsbaby? Ein Schaf? Ein Vogel? Egal, was der Hund jagt, das Tier hat Todesangst und bringt sich und andere in Lebensgefahr. Das muss nicht sein.

Leinenpflicht oder keine Leinenpflicht

Auch wenn in Baden-Württemberg nicht die Brut- und Setzzeit mit monatelanger Leinenpflicht gilt, heißt es nicht „Leinen los und ahoi!“. Die Baden-Württemberger werden angehalten, selbst dafür zu sorgen, dass ihr Hund keinen Flurschaden anrichtet und das ohne generelle Leinenpflicht. Hier gilt: Ein Hund, der stets unter Kontrolle im Zugriffsbereich seines Hundehalters ist, darf unangeleint außerhalb geschlossener Ortschaften geführt werden. Auf gut deutsch: Wenn du deinen Hund im Griff hast, darf er flitzen. Wenn du dich nicht darum scherst, was dein Hund anstellt, dann darfst hinterher nicht heulen, wenn er erschossen wird oder du ein hohes Bußgeld zahlen darfst. Ich weiß nicht, was besser ist… Shiva läuft im Wald und auf unübersichtlichen Strecken grundsätzlich angeleint – ob nun Schleppleine oder kurze Leine hängt von der Gegend ab und was ich grade mache. Beim Geocaching hab ich sie niemals so im Blick, wie beim normalen Gassi, also ist da die Schleppe dran. Beim Walken genau gleich, schließlich hab ich ja auch keine Hand frei…

Was aber, wenn der Hund loszischt?

Eigentlich sollte man einen sofortigen Jagdabbruch einfordern. Bestimmt und gut eintrainiert. Haha, als ob der einem in dem Moment einfällt. Naja, an sich klappt es  bei Shiva tatsächlich super. Ich brüll ein Stopp und sie steht, wie ne Eins. Eigentlich… letzte Woche ist sie mir beim Walken in den Wald gezischt. Wir haben einen Trampelpfad gewählt, der zwar ein bisschen zugewachsen war, aber durchaus öfter genutzt wurde. Ich seh was rotes im Wald verschwinden und zack, was hellbraunes wuscheliges hinterher. Natürlich hab ich sofort gebrüllt… dummerweise habe ich aber seit ein paar Tagen einen nervigen Husten und dementsprechend bleibt mir gerne die Stimme weg. Ratet mal… natürlich blieb sie weg. Mein Stoppkommando ging in einem Hustenanfall unter und der Hund war weg. Meilenweit nur Wald und ein paar Wiesen. Okaaaaay… das ist nun aber suboptimal gelaufen.

Nachdem ich mich wieder gefasst hatte, bin ich dem Rascheln nach und habe immer wieder gepfiffen. Auf Pfiff kommt Shiva sehr schnell. Nur… mein Hund kam nicht. Okay, das ist nun aber blöd. Also weiter ins Unterholz – ja, Brennnesseln heißen so, weil sie auf nackter Haut die lustigsten Dinge anstellen und brennen wie Teufel. Ach, Dornen sind dafür da, dass die Haut schön aufgekratzt wird. Jepp… meistens tritt auch etwas Pflanzensaft aus und verteilt sich auch auf den Beinen und verklebt die Kratzer fürsorglich. In Gedanken rechne ich die Zeit seit meiner letzten Tetanusimpfung nach… (sind 20 Jahre zuviel?). Ah! Da vorne hat es geknackt und ich meinte, dass ich das braune Etwas wieder gesehen habe. Na warte, Wuschelchen! Du kommst jetzt schön an die kurze Leine. Schleppleine – ha! Hat sich ausgeschleppt! Jetzt ist knallharter Drill angesagt, Fräuleinchen!

Wo ist dieser verd*** Hund??

Vor mir steht ein wunderschönes Reh und guckt mich mit klugen Augen an. Ich sehe neben der Mama ihr Kitz und möchte mich in Luft auflösen. Zum Glück geht die Rehmama mit ihrem zuckersüßen und getupften Nachwuchs einfach ihres Weges und lässt mich – zur Salzsäule erstarrt – links liegen. In Gedanken rupfe ich meinen Wuschelhund und schelte mich gleichzeitig als blöde Kuh, die ja hätte aufpassen können. Aber… Shiva ist keinem Reh nach, das war eindeutig ein Fuchs… wo ist der Fuchs? Und wo, verdammt noch eins, ist Shiva? Weit hinter mir höre ich meine Mutter nach mir und Shiva rufen. Bin ich so weit gegangen? Ich rufe zurück, dass ich sie noch nicht habe und sie auf dem Weg bleiben soll.

Da! Ein Geräusch! Ein Wimmern? Jaulen? Oh Shit! So ein Fuchs hat Zähne und ist etwa gleich groß wie Shiva! Panik steigt in mir auf. Wo sind die zwei? In Gedanken ist Shiva nun schwer verletzt und der Fuchs steht Zähne bleckend über ihr. In dem Moment seh ich sie. Unverletzt und total mit der Schleppleine im Gebüsch verheddert. Das Gefühl der Erleichterung schwappt über mir zusammen, wie eine Welle. Zum Glück ist ihr nichts passiert. Vergessen aller Ärger. Mein Mädchen hat sofort umgedreht und sich verfangen… Deshalb kam sie nicht. Die arme Motte… dabei wollte sie doch sicher gleich zurück und dann hing die blöde Leine fest. Ach, Schätzchen…

Schnell das Tierchen befreit und zusammen zu Mama zurück. Der Wald hat die Geräusche geschluckt. Ich war kaum 25 m im Wald drin… Etwas über eine Schleppleinenlänge… Aber es waren die längsten 5 Minuten meines Lebens… Waren es überhaupt 5 Minuten? Ich möchte mir gar nicht ausmalen, was in einem vorgeht, wenn der Hund verschwunden bleibt und man ihn stunden- oder tagelang sucht. Auch, wenn das Gefühl der Erleichterung überwog, hab ich mir fest vorgenommen, dass der Jagdabbruch wieder konsequenter geübt wird und auch Shiva öfter zum Abchecken zu mir kommen muss. Schließlich möchte ich mein Wuschelmädchen noch lange an meiner Seite haben. Die rosarote Brille wurde mal für eine Weile in die Nachtischschublade verbannt. Vertrauen ist gut, aber Training ist besser.

Flauschige Grüße

Sandra mit Shiva an ihrer Seite

Ein Kommentar

  • Anja& Lotta

    Hallo, ihr Wuscheligen! Ich lese Euren Blog sehr gern und das Thema Jagdtrieb ist bei uns allgegenwärtig. Uns ist letzten Herbst was ganz Ähnliches passiert. Da war dann auch plötzlich der Hund weg. Lotta ist ein dreijähriger Podencomix, die zu dieser Zeit gerade ihren Jagdtrieb entdeckte. Zweieinhalb Stunden habe ich wie eine Irre auf einer feuchten Wiese herumgestanden und gebrüllt, bin fast verrückt geworden – und dann stand sie plötzlich wieder vor mir, aufgerissene Ohren und halb ausgezogenes Geschirr, blutverschmiertes Fell… Sie hatte in fingerdicken Brombeerästen festgehangen und sich nur mit Gewalt daraus befreien können. Wir haben ihr eine ganze Woche lang Brombeerstacheln aus der Haut gezogen und die Risse und Kratzer versorgt. Außerdem hatte sie wohl ein Zeckennest erwischt und die winzigen Biester musste man auch tagelang aus dem Fell entfernen. Ab diesem Zeitpunkt musste das Rückruftraining quasi wieder neu aufgebaut werden, das mittlerweile funktioniert- solange es keine Ablenkung gibt! Momentan sehen wir jeden Morgen einen Feldhasen, der Lottas Adrenalinspiegel gewaltig ansteigen lässt..
    Hundehalter leben doch aufregend oder ? : ) bleibt fröhlich!

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